Welches Europa brauchen wir?
przez Bartek Bukowski
Gerald und Francesca Knaus haben zusammen das Buch Welches Europa brauchen wir? geschrieben, mit dem Untertitel Ein politisches Wunder und wie wir es vor seinen Feinden schützen. Es erschien am 2. Oktober 2025 beim Piper Verlag (Piper Verlag GmbH, München).
Wen definiert das Buch als Feinde Europas?
Gerald und Francesca Knaus definieren „die Feinde Europas“ nicht als eine feste Liste einzelner Staaten oder Personen, sondern eher als Gefährdungen des europäischen Projekts. Dazu zählen offenbar vor allem:
- Aggressiver Nationalismus und europafeindliche politische Bewegungen
- Autoritäre und antidemokratische Kräfte, die Rechtsstaat und Freiheit angreifen
- Krieg und imperiale Gewalt, ausdrücklich mit Blick auf Russlands Krieg gegen die Ukraine
- Innere Erosion Europas: Gleichgültigkeit gegenüber Demokratie, Spaltung, fehlende europäische Vision und politische Mutlosigkeit
Der Untertitel klingt konfrontativ („Feinde“), aber sie meinen wohl eher Ideologien und Entwicklungen, nicht einfach „Land X oder Partei Y sind Europas Feinde“.
Erodierende Demokratie
„Erodierende Demokratie“ scheint bei ihnen weniger als plötzlicher Zusammenbruch verstanden zu werden, sondern als schleichende Aushöhlung liberal-demokratischer Substanz. Dazu gehören offenbar:
- Erosion von Rechtsstaat und Institutionen
Demokratie bleibt formal bestehen (Wahlen, Parlamente), verliert aber inhaltlich an Qualität – etwa wenn unabhängige Gerichte, freie Medien oder Minderheitenrechte geschwächt werden. - Mehrheiten ohne liberale Bindung
Eine Sorge scheint „illiberale Demokratie“ zu sein: Wahlen ja, aber mit abnehmender Gewaltenteilung und wachsendem Autoritarismus. - Politische Spaltung und Angstpolitik
Besonders betonen sie offenbar, dass Angst — etwa rund um Migration, Krieg oder Identitätsfragen — Demokratien polarisiert und kompromissfähige Politik erschwert.
Ursachen sehen sie wohl vor allem hier:
- Nationalismus und Identitätspolitik
Sie scheinen aggressive nationale Selbstbehauptung als Gegenmodell zum europäischen Friedensprojekt zu sehen. - Fehlende europäische Erzählung / Vision
Ein zentrales Motiv bei Knaus: Demokratien erodieren auch, wenn Menschen nicht mehr wissen, wofür Institutionen da sind. Nicht nur Institutionen schwächeln — oft fehlt die überzeugende Idee dahinter. - Angst vor unkontrollierter Migration als politischer Sprengstoff
Das scheint ausdrücklich ein wichtiger Punkt zu sein: nicht Migration an sich, sondern politische Unfähigkeit, sie glaubwürdig zu steuern, erzeugt laut ihnen Vertrauensverlust und stärkt extreme Kräfte. - Historisches Vergessen
Sie argumentieren offenbar stark, dass Europas Frieden und Demokratie als selbstverständlich genommen werden — und genau das sie verletzlich macht. - Äußere autoritäre Bedrohungen
Vor allem Russlands Krieg gegen die Ukraine erscheint bei ihnen auch als Druck auf europäische Demokratien, nicht nur als geopolitisches Problem.
Was sie offenbar nicht als Hauptursache sehen…
Sie scheinen demokratische Erosion weniger ökonomisch (Ungleichheit, Kapitalismus, Neoliberalismus) zu erklären als viele andere Autoren, sondern stärker politisch-kulturell und institutionell.
Nationale Identität ≠ automatisch Nationalismus.
Viele politische Denktraditionen unterscheiden klar zwischen:
- Patriotismus / nationale Selbstverortung (Bindung an Geschichte, Kultur, demokratische Traditionen)
- Nationalismus im aggressiven Sinn (Überlegenheitsdenken, Ausschluss, Machtpolitik)
Gerade das Motto eines „Europa der Nationen“ steht historisch nicht zwingend im Gegensatz zur europäischen Idee; es gibt dafür föderale, konservative, gaullistische und andere europäische Traditionen.
Korruption ist eine Gefahr für Europa
Viele würden sagen: sogar eine zentrale. Korruption untergräbt genau das, was demokratische Ordnung trägt:
- Vertrauen in Institutionen
- Rechtsstaatlichkeit
- faire Märkte und Wettbewerb
- Legitimität politischer Entscheidungen
- Gleichheit vor dem Gesetz
Und auf europäischer Ebene kommt hinzu:
- Missbrauch öffentlicher Mittel (inklusive EU-Gelder)
- Klientelismus und Oligarchisierung
- Einflussnahme durch Lobbyinteressen oder Drittstaaten
- Aushöhlung von Demokratie von innen, oft subtiler als offener Autoritarismus
Man könnte argumentieren, dass Korruption eine Form demokratischer Erosion ist — nicht ein Nebenthema.
Warum wird das manchmal weniger betont?
Einige Autoren (möglicherweise auch Knaus) fokussieren stärker auf geopolitische und ideologische Gefahren — Krieg, Populismus, Autoritarismus. Andere würden sagen: Das eigentliche Risiko sitzt oft in innerer Verfilzung und Elitenversagen.
Diese Sicht vertreten etwa stark Luigi Ferrajoli (Rechtsstaat), Timothy Snyder (institutionelle Verwundbarkeit) , Jan-Werner Müller (Demokratie und Populismus). Man könnte sogar zuspitzen: Wenn man nur Nationalismus als Gefahr sieht, aber Korruption, Machtkartelle oder demokratische Entfremdung unterschätzt, könnte das selbst ein blinder Fleck sein.
Der Punkt ist also keineswegs randständig, sondern Teil einer echten Kontroverse:
Gefährdet Europa mehr der Nationalismus — oder die innere Erosion durch Korruption und Elitenversagen?
Viele würden sagen: beides, und das zweite wird oft unterschätzt.
Manche Europa-Debatten betonen stärker äußere Gefahren als innere Machtmissbräuche. Man könnte fragen:
- Warum wird über Nationalismus ausführlich gesprochen, aber weniger über Lobbyeinfluss?
- Warum über Populismus, aber weniger über Korruption in Parteien, Verwaltung oder EU-Strukturen?
- Wird „Demokratieverteidigung“ manchmal moralisch statt institutionell gedacht?
Gerade Knaus könnte man kritisch fragen:
Wenn demokratische Erosion ein Thema ist — warum steht dann Korruption nicht explizit stärker im Zentrum?.
Spannend ist bei Gerald Knaus, dass seine Schwerpunkte ziemlich erkennbar sind — und sie könnten erklären, warum er gewisse Gefahren stärker betont als andere.
Sein Blick kommt stark aus Krisenprävention und Staatsfähigkeit. Knaus ist Mitgründer von European Stability Initiative. Dort ging es oft um: Balkan-Konflikte, Erweiterung Europas, Migration und Asylpolitik, Schutz des Rechtsstaats, Umgang mit autoritären Regimen.
Aus dieser Perspektive erscheint die größte Gefahr oft: schwache Staaten, ungelöste Krisen, politische Lähmung.
Dann schaut man automatisch mehr auf Stabilität und institutionelle Resilienz als auf Korruption als Primärproblem.
Er scheint „illiberale Politik“ als Kernbedrohung zu sehen. Sein Fokus liegt häufig auf autoritären Versuchungen, populistischer Mobilisierung, Angriff auf liberale Institutionen, Europas mangelnder Handlungsfähigkeit. Da wird Korruption oft als Symptom behandelt, nicht als Ursprung. Korruption und Elitenversagen erzeugen erst den Vertrauensverlust, aus dem Populismus wächst. - Das ist eine andere Diagnose.
Migration prägt seinen Denkrahmen
Knaus ist bekannt für Vorschläge zur Migrationspolitik. Das macht verständlich, warum er politische Angst, Grenzfragen und Nationalismus stark als europäische Sollbruchstellen liest.
Was möglicherweise sein blinder Fleck sein könnte?
Wenn man sehr auf „Feinde Europas“ als ideologische oder geopolitische Gegner schaut, übersieht man leicht:
- institutionalisierte Korruption
- Lobbyverflechtungen
- Demokratiedefizite in EU-Strukturen
- Bürokratische Entfremdung
- Macht ohne ausreichende Rechenschaft
Und viele würden sagen: Genau dort beginnt Erosion.
Knaus fragt: Wie schützen wir Europa vor Nationalismus?
- Wir fragen: Wie schützen wir Europa vor innerer Verrottung?
Beides sind verschiedene Diagnosen derselben Krankheit.
Ein Schutz Europas würde viele eher in einer Kombination sehen:
- Starke liberale-demokratische Institutionen
Schutz entsteht durch belastbare Institutionen:
- unabhängige Gerichte
- freie Medien
- Gewaltenteilung
- Schutz von Grundrechten
- transparente Verwaltung und Anti-Korruptionsmechanismen
Wenn Institutionen robust sind, wird totalitäre Politik schwerer.
- Demokratische Kultur, nicht nur Demokratie als Verfahren
Demokratie lebt auch von Haltungen:
- Streitfähigkeit ohne Entmenschlichung
- Toleranz für Dissens
- politische Bildung
- Geschichtsbewusstsein
Europa hat aus World War II, dem Holocaust und dem Cold War gelernt, wie wichtig das ist.
- Extremismen nicht nur repressiv, sondern auch politisch vorbeugen
Ideologien wachsen oft dort, wo Menschen:
- sich ohnmächtig fühlen
- Institutionen misstrauen
- soziale Entwurzelung erleben
- Zugehörigkeit nur noch in radikalen Bewegungen finden
Sicherheitspolitik allein reicht dann nicht.
- Rechtsstaatlich konsequent gegen antidemokratische Bewegungen
Eine offene Gesellschaft muss sich verteidigen können — manche nennen das „wehrhafte Demokratie“.
Dazu können gehören:
- Verfolgung extremistischer Gewalt
- Schutz vor Terrorismus
- Vorgehen gegen verfassungsfeindliche Organisationen
- Abwehr ausländischer Einflussnahme
- Freiheit nicht gegen Identität ausspielen
Menschen brauchen oft demokratische Zugehörigkeit — lokal, national, europäisch. Wenn legitime Identität delegitimiert wird, kann das Radikale stärken.
- Auch innere Gefahren ernst nehmen — inklusive Korruption
Wenn Eliten unkontrollierbar wirken, kann das Extremismen nähren. Schutz vor totalitären Ideologien schließt Schutz vor Machtmissbrauch mit ein.
Vielleicht noch ein wichtiger Unterschied:
Manche würden „Nationalismus, Kommunismus, Islamismus“ als gleichartige Phänomene behandeln; andere würden stark unterscheiden zwischen patriotischen oder linken demokratischen Traditionen und ihren totalitären Varianten. Diese Unterscheidung ist wichtig!
Europa schützt sich vor Totalitarismus durch eine Mischung aus
Rechtsstaat + Erinnerungskultur + soziale Stabilität + demokratische Selbstbehauptung + Korruptionskontrolle.
Und vielleicht noch etwas Altmodisches: Charakterbildung und Bürgertugend — ein oft unterschätzter Punkt.